9-Euro-Ticket 2.0: Brauchen wir ein dauerhaft günstiges ÖPNV-Angebot?

Sommer 2022: Millionen Menschen quetschen sich in Regionalbahnen, entdecken vergessene Buslinien und fahren für 9 Euro von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen. Das 9-Euro-Ticket war ein verkehrspolitisches Experiment – und ein gesellschaftliches Ereignis. Doch was blieb davon übrig? Die Frage, ob Deutschland ein dauerhaft günstiges ÖPNV-Ticket braucht, ist seitdem nicht verstummt. Sie ist drängender geworden.

Die kurze Antwort: Ein dauerhaft günstiges ÖPNV-Angebot ist sinnvoll – aber nur dann, wenn es von einem massiven Ausbau der Infrastruktur begleitet wird. Ohne diesen zweiten Schritt droht billiges Fahren auf schlechten Gleisen. Was das konkret bedeutet und wo die Grenzen liegen, zeigt dieser Artikel.

Was war das 9-Euro-Ticket überhaupt?

Von Juni bis August 2022 konnten Fahrgäste in Deutschland für 9 Euro pro Monat alle Busse und Bahnen des Nahverkehrs (ÖPNV) sowie Regionalzüge (nicht ICE oder IC) bundesweit unbegrenzt nutzen. Das Ticket galt jeweils einen Kalendermonat lang und war beim jeweiligen Nahverkehrsverbund erhältlich. Die Bundesregierung subventionierte das Angebot mit insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro (Bundesministerium für Digitales und Verkehr, Pressemitteilung Juni 2022).

Rund 52 Millionen Tickets wurden verkauft, darunter etwa 10 Millionen Neukunden, die zuvor kein ÖPNV-Abo besaßen (Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, VDV, Abschlussbericht September 2022). Das klingt eindrucksvoll – ist aber nur die halbe Geschichte.

Was das Ticket tatsächlich bewirkt hat – und was nicht

Die Verkehrswende-Wirkung fiel gemessen bescheiden aus. Der VDV schätzte, dass durch das 9-Euro-Ticket im Aktionszeitraum rund 1,8 Millionen Tonnen CO₂ eingespart wurden – gegenüber einem Jahresausstoß des deutschen Pkw-Verkehrs von rund 120 Millionen Tonnen entspricht das weniger als 2 % (VDV-Bericht 2022; Umweltbundesamt, Daten 2022). Der Klimaeffekt war also spürbar, aber strukturell begrenzt.

Der Grund: Wer in einer ländlichen Region lebt, in der der Bus zweimal täglich fährt, nutzt kein günstiges Ticket – er nutzt gar kein Ticket. Günstige Preise ersetzen kein Angebot. Laut einer Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW, 2022) stiegen vor allem stadtnahe Bevölkerungsgruppen mit bestehendem ÖPNV-Angebot auf das günstige Ticket um. Auf dem Land blieb das Auto erste Wahl.

Gleichzeitig gab es massive Überlastungsprobleme. Regionalzüge fuhren teils mit 200 % Auslastung, Verspätungen stiegen merklich an. Die Deutsche Bahn meldete für den Sommer 2022 eine im Vergleich zum Vorjahr deutlich erhöhte Pünktlichkeitsrate von nur noch ca. 65 % im Regionalverkehr – ein Tiefpunkt (DB AG, Pünktlichkeitsbericht Q3 2022).

Überfüllter Regionalzug im Sommer 2022, Fahrgäste stehen dicht gedrängt im Gang, Stimmung heiter aber beengt

Das Deutschlandticket: Was aus dem Experiment wurde

Seit Mai 2023 gilt das Deutschlandticket, das sogenannte 49-Euro-Ticket. Es funktioniert als monatlich kündbares Abonnement und erlaubt – wie das 9-Euro-Ticket – die Nutzung aller Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen und Regionalzüge bundesweit. Der Preis wurde zum Januar 2025 auf 58 Euro pro Monat angehoben (Beschluss der Verkehrsministerkonferenz, November 2024).

Rund 13 Millionen Abonnenten nutzten das Deutschlandticket bis Ende 2024 – ein stabiler, aber nicht dramatisch wachsender Nutzerkreis (VDV, Pressemitteilung Oktober 2024). Die Finanzierungslücke zwischen Ticketeinnahmen und tatsächlichen Betriebskosten wird jährlich hälftig zwischen Bund und Ländern aufgeteilt, mit einem gemeinsamen Subventionsbetrag von zuletzt ca. 3 Milliarden Euro pro Jahr.

Lohnt sich das Deutschlandticket für mich persönlich?

Ja – wenn du regelmäßig Busse oder Bahnen nutzt und monatlich mehr als 58 Euro für ÖPNV ausgibst. Ein Beispiel: Ein Monatspendler in München zahlt ohne Ticket ca. 57–90 Euro für eine Zone, in Berlin ca. 86 Euro (Tarifstand 2024). Wer dagegen nur gelegentlich fährt (weniger als 3–4 Mal pro Woche), fährt mit Einzeltickets oft günstiger.

Warum „günstig“ allein nicht reicht – das strukturelle Problem

Das zentrale Missverständnis in der politischen Debatte lautet: Günstige Tickets führen automatisch zur Verkehrswende. Das stimmt nicht, weil Preis nur einer von drei Wechselbarrieren ist. Die anderen zwei sind Verfügbarkeit (Gibt es eine Verbindung?) und Zuverlässigkeit (Kommt sie pünktlich an?).

Laut Bundesrechnungshof (Bericht 2023) liegt der Investitionsstau im deutschen Schienennetz bei geschätzt über 90 Milliarden Euro. Davon betroffen sind marode Brücken, veraltete Stellwerke und fehlende Elektrifizierung auf Strecken, die überwiegend den ländlichen Nahverkehr betreffen. Solange dieser Stau nicht abgebaut wird, bleibt ein günstiges Ticket im ländlichen Raum ein Angebot ohne entsprechendes Produkt dahinter.

Ein konkretes Beispiel: In Mecklenburg-Vorpommern verkehren auf rund 30 % der Bahnstrecken täglich weniger als 4 Zugpaare (d. h. 4 Verbindungen in jede Richtung; Daten: Landesnahverkehrsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern, 2023). Wer um 18:30 Uhr vom Einkauf nach Hause möchte, nimmt dort nicht den Zug – egal zu welchem Preis.

Was ein „9-Euro-Ticket 2.0″ kosten würde

Eine dauerhafte Rückkehr zu einem 9-Euro-Ticket bundesweit wäre nach aktuellen Schätzungen nicht mit 2,5 Milliarden Euro jährlich finanzierbar. Der VDV kalkulierte 2023, dass ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket bei heutigem Betriebsumfang eine jährliche Bundessubvention von ca. 14–17 Milliarden Euro erfordern würde – zuzüglich der laufenden Investitionskosten in Netz und Fahrzeuge. Zum Vergleich: Der gesamte Bundeshaushalt für Verkehr betrug 2024 rund 38 Milliarden Euro.

Das bedeutet nicht, dass ein sehr günstiges Ticket unrealistisch ist. Es bedeutet, dass die politische Entscheidung eine Prioritätensetzung ist: Weniger Geld für Straßenausbau, mehr für ÖPNV-Infrastruktur und -Betrieb – oder eine Gegenfinanzierung über andere Steuern, etwa eine erhöhte Energiesteuer auf Kraftstoffe.

Infografik-Stil: Gegenüberstellung ÖPNV-Subventionen vs. Straßenbauinvestitionen in Deutschland, sachlich und vergleichend

Für wen ein günstiges ÖPNV-Ticket tatsächlich relevant ist

Nicht jede Bevölkerungsgruppe profitiert gleich – und das ist für die politische Bewertung entscheidend:

  • Pendelnde in Städten mit dichtem Netz (z. B. Berlin, Hamburg, München): profitieren sofort und spürbar. Die Wechselwirkung aus Preis und Verfügbarkeit ist hier am stärksten.
  • Geringverdienende in Ballungsräumen: Ein Monatsticket für 58 Euro entspricht bei einem Nettolohn von 1.500 Euro knapp 4 % des Einkommens. Bei 9 Euro wären es unter 1 %. Der Entlastungseffekt wäre für diese Gruppe erheblich.
  • Menschen in ländlichen Regionen: Profitieren kaum, solange kein ausreichendes Angebot besteht. Günstiger Preis ersetzt keine fehlende Busverbindung.
  • Gelegenheitsnutzer: Wer weniger als ca. 3 Fahrten pro Woche im ÖPNV zurücklegt, fährt mit Einzeltickets in den meisten Städten günstiger als mit einem Monatsabo – selbst bei 9 Euro.

Was „Alles super“ wirklich bedeuten müsste

Die Überschrift „Alles super!“ ist ironisch gemeint – und das zu Recht. Der politische Reflex, ein günstiges Ticket als Lösung zu feiern, ohne die Infrastrukturfrage zu beantworten, ist eine Form von Selbstbetrug. Ein günstiges Ticket ist ein sinnvoller Baustein, aber kein Ersatz für einen tatsächlichen ÖPNV-Ausbauplan.

Was ein konsistentes Konzept beinhalten müsste:

  1. Infrastruktur zuerst: Mindestens ein Stundentakt auf allen Bahnstrecken und ein 30-Minuten-Takt im städtischen Busverkehr als bundesweiter Standard – das ist derzeit in vielen Regionen nicht erfüllt (Bundesverkehrswegeplan 2030, Ziele vs. aktueller Stand).
  2. Dann Preis: Ein günstiges Ticket wirkt am stärksten, wenn das Angebot bereits gut ist. Erst wenn Schritt 1 gesichert ist, maximiert ein niedriger Preis den Umstiegseffekt.
  3. Soziale Staffelung: Statt einem Einheitspreis für alle wäre eine einkommensabhängige Variante (z. B. Sozialtarif bei 29 Euro, Normaltarif bei 58 Euro) zielgenauer und günstiger für den Haushalt – ohne auf Wirkung bei einkommensschwachen Gruppen zu verzichten.

Fazit: Ja, aber nicht so

Ein dauerhaft günstiges ÖPNV-Ticket ist wünschenswert – allerdings nur als Teil eines größeren Pakets. Billiges Fahren auf maroder Infrastruktur mit dünnem Takt löst kein Verkehrsproblem; es verbilligt lediglich die Unzulänglichkeit. Die politische Lektion des 9-Euro-Tickets lautet nicht: „Machen wir das nochmal“, sondern: „Wir brauchen das Angebot, das dieses Ticket verdient.“

Wer morgen handeln möchte, kann das Deutschlandticket für 58 Euro/Monat testen – monatlich kündbar, ohne Mindestlaufzeit. Wer ein 9-Euro-Ticket 2.0 will, muss bei der nächsten Wahl Parteien unterstützen, die bereit sind, Straßenbaubudgets zugunsten von Schiene und Bus umzuschichten. Beides sind konkrete Entscheidungen. Nur applaudieren reicht nicht.

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